Was sich verändert. Was es bedeutet.

TechnologieAnalyse

Wenn der Feed die Reihenfolge bestimmt

Ein Feed zeigt Beiträge nicht einfach nur an. Seine Sortierung entscheidet mit darüber, was auffällt, was sich wiederholt und welche Zusammenhänge leicht übersehen werden.

Fünf unterschiedlich große Papierkarten stehen in einer Spalte; eine seitliche Schiene hat eine Karte aus der Reihe verschoben.

Illustration: Redaktion EchtzeitA.

Wer in Instagram auf „Following“ umschaltet, sieht die Beiträge der abonnierten Konten in zeitlicher Reihenfolge, begrenzt auf die letzten 30 Tage. Die Standardansicht mischt Beiträge abonnierter Konten, Vorschläge von nicht abonnierten Konten und Werbung. Ein Dienst, zwei Reihenfolgen, zwei Bilder davon, was gerade wichtig ist.

Zwei Menschen, die dieselbe Plattform öffnen, können unterschiedliche Beiträge sehen. Schon die abonnierten Konten machen einen Unterschied. Hinzu kommen je nach Dienst eigene Regeln und Signale, mit denen Inhalte ausgewählt und sortiert werden.

Das Ergebnis erscheint als fortlaufender Strom. Gerade dadurch geraten die Auswahlentscheidungen leicht aus dem Blick. Auch Suchergebnisse haben eine Reihenfolge, doch dort ist eine eigene Anfrage meist sichtbarer Teil des Vorgangs. Im Feed begegnet sie den Nutzern oft ohne eine neue Frage.

Erst die Auswahlmenge, dann die Reihenfolge

Instagram beschreibt sein Verfahren in zwei Schritten. Zuerst wird festgelegt, was zur Auswahl steht: im Feed die neueren Beiträge der abonnierten Konten und Beiträge von Konten, denen man nicht folgt. Danach wird diese Menge geordnet.

Für die Ordnung wertet der Dienst Signale aus, nach eigener Darstellung Tausende. Daraus entstehen etwa ein Dutzend Vorhersagen, im Feed vor allem fünf: wie wahrscheinlich jemand einige Sekunden auf einen Beitrag schaut, ihn kommentiert, ihm ein Herz gibt, ihn teilt oder auf das Profilbild tippt. Je höher diese Wahrscheinlichkeit gewichtet wird, desto weiter oben steht der Beitrag.

Das ist ein vereinfachtes Modell, aber es trennt zwei Vorgänge, die im Ergebnis verschmelzen. Was nicht in die Auswahlmenge gelangt, kann durch keine Sortierung nach oben kommen. Die fertige Reihenfolge zeigt beide Schritte als einen.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Darstellung stammt vom Dienst selbst, beschreibt nur dessen Feed und gibt den Stand vom 31. Mai 2023 wieder; Signale und Vorhersagen werden laut diesem Text im Lauf der Zeit ergänzt und entfernt. Für Stories, Explore, Reels und Suche gelten eigene Systeme. Vor der Sortierung entscheidet zudem, was die Richtlinien für Empfehlungen ausschließen; solche Beiträge dürfen bleiben, werden aber nicht empfohlen.

Auch die Zeitfolge ist eine Sortierung

Sie bevorzugt das Neue, die personalisierte Folge bevorzugt, was eine Reaktion wahrscheinlich macht. Beide ordnen den vorhandenen Bestand nach einem Kriterium, das jemand festgelegt hat.

Die Kriterien folgen auch dem Geschäftsmodell des Dienstes. Instagram begründet die Ausrichtung an Interaktionen offen: Es sei das bessere Geschäft, die Reichweite stark beachteter Inhalte zu vergrößern und Werbung zu verkaufen. Das beschreibt einen werbefinanzierten Dienst, keine allgemeine Regel.

Wie stark der Unterschied ausfällt, lässt sich messen. Eine randomisierte Studie von Andrew Guess, Neil Malhotra, Jennifer Pan und weiteren Forschenden stellte während des US-Wahlkampfs 2020 einen Teil einwilligender Nutzerinnen und Nutzer von Facebook und Instagram auf umgekehrt chronologische Feeds um. Über drei Monate verbrachten diese Personen deutlich weniger Zeit auf den Plattformen. Der Anteil politischer und als unzuverlässig eingestufter Inhalte stieg auf beiden Plattformen. Auf Facebook sank der Anteil unfreundlicher oder herabwürdigender Inhalte, während Beiträge von eher gemäßigten Kontakten und von Quellen mit ideologisch gemischter Leserschaft zunahmen. Bei politischer und affektiver Polarisierung, also der Abneigung zwischen politischen Lagern, sowie bei politischem Wissen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede.

Die Reihenfolge verändert also nachweislich, was in welcher Menge gesehen wird und wie lange jemand bleibt. Ein Nachweis für eine verschobene politische Einstellung ließ sich damit für zwei Dienste, ein Land und drei Monate nicht führen.

Aus einer Empfehlung folgt kein Urteil

Ein System kann einen Beitrag empfehlen, weil es eine bestimmte Reaktion erwartet. Daraus folgt nicht, dass der Beitrag gut belegt, kulturell bedeutsam oder für eine eigene Entscheidung relevant ist. Empfehlung und Bewertung beantworten unterschiedliche Fragen.

Wer viele ähnliche Beiträge sieht, weiß zunächst etwas über diesen Ausschnitt. Ob die Gesellschaft insgesamt ebenso denkt, ist damit nicht geklärt. Ebenso wenig lässt sich aus einer einzelnen Feedansicht ableiten, wie stark die Sortierung das Verhalten aller Nutzer beeinflusst. Ein Screenshot zeigt eine Position, nicht die Vorgeschichte, die zu ihr geführt hat.

Was von außen geprüft werden kann

AlgorithmWatch begründet im Beitrag Risikofalle Social Media: Wie bekommen wir Algorithmen in den Griff? die Bedeutung unabhängiger Untersuchungen von Empfehlungssystemen. Der Text von John Albert erschien am 15. März 2023 als Positionspapier der Organisation und ist als NGO-Position zu lesen; damals war der Digital Services Act noch nicht vollständig anwendbar. Die Forderung nach nachvollziehbarer Forschung gilt weiter; die Angaben des Textes zum Stand der europäischen Regeln sind ein historischer Zwischenstand, kein Rechtsstand von 2026. Der Text benennt selbst eine Grenze: Audits arbeiten unter Umständen nur mit öffentlich zugänglichen Daten und können durch eine verzerrte Auswahl ein falsches Bild ergeben.

Was inzwischen vorgesehen ist, lässt sich bei der Europäischen Kommission nachlesen. Alle Anbieter von Vermittlungsdiensten müssen seit dem 17. Februar 2024 mindestens einmal jährlich einen Transparenzbericht veröffentlichen, sehr große Plattformen und Suchmaschinen mindestens alle sechs Monate. Die größten Dienste müssen jährlich Risiken bewerten und unabhängig prüfen lassen.

Forschende mit anerkannter institutioneller Anbindung können unter Bedingungen interne Daten erhalten; die Anerkennung erteilen die nationalen Koordinatoren für digitale Dienste. Die Verordnung (EU) 2022/2065 verlangt in Artikel 38 zusätzlich je Empfehlungssystem mindestens eine Option, die nicht auf Profiling beruht, also nicht auf einer Auswertung persönlicher Merkmale.

Diese Verfahren regeln Offenlegung und Prüfung, nicht die Wirkung einer Sortierung. Für eine belastbare Aussage braucht es mehr als einen irritierenden Screenshot. Welche Konten wurden untersucht, über welchen Zeitraum, mit welchem Datenzugang und im Vergleich womit? Diese Fragen begrenzen auch ein einzelnes Forschungsergebnis. Die Studie zu Facebook und Instagram zeigt das an sich selbst: Eine 2024 in Science veröffentlichte Kritik wandte ein, dass sich die Vergleichsbedingung während des Experiments veränderte, weil Facebook nach der Wahl 2020 vorübergehend gegen Falschinformationen zur Wahlbetrugsbehauptung vorging. Die Forschenden räumten den Einwand für die Verallgemeinerbarkeit ein.

Auswahl lässt sich teilweise selbst gestalten

Ein begrenzter Nachrichtenrhythmus verändert die Zahl der Kontaktmomente. Nachrichten zu ausgewählten Zeiten zu lesen verschiebt, wann ein Strom auf jemanden trifft. Benachrichtigungen lassen sich gesondert sortieren: Ein Hinweis auf einen neuen Beitrag ist etwas anderes als eine Nachricht, die eine Antwort braucht. Beide Maßnahmen ändern nicht, welche Kandidaten ein Dienst in Betracht zieht.

Instagram bietet für den Feed eine Ansicht, die nur Beiträge abonnierter Konten zeigt und auf die letzten 30 Tage begrenzt ist. Wer sie nutzt, tauscht eine Auswahl gegen eine andere; vollständig wird keine von beiden.

Ein Feed kann interessante Texte, Musik und Perspektiven zugänglich machen. Sein Nutzen muss nicht bestritten werden, um seine Sortierung kritisch zu betrachten. Entscheidend ist, die sichtbare Auswahl nicht mit dem Ganzen zu verwechseln.

Ein brauchbarer nächster Schritt ist klein. Wer den Eindruck hat, dass sich ein Thema im Feed wiederholt, kann notieren, welche Konten die Beiträge eingebracht haben und ob sie aus der eigenen Abo-Liste stammen. Daraus wird kein Wirkungsnachweis. Die Notiz macht aber sichtbar, welche Frage eine Untersuchung mit Vergleichsgruppe und Datenzugang beantworten müsste.

Konzeptmodell

Konzeptmodell: von möglichen Inhalten zum sichtbaren Ausschnitt

Aus allen möglichen Inhalten wird zuerst eine Auswahlmenge bestimmt und danach geordnet. Sichtbar ist am Ende ein Ausschnitt, der weder die Auswahlmenge noch alle möglichen Inhalte zeigt.

  1. Mögliche Inhalte

    Alles, was auf dem Dienst veröffentlicht ist und den Regeln des Dienstes entspricht

    Nicht sichtbar: Nicht veröffentlichte oder entfernte Inhalte

  2. Auswahl

    Der Dienst bestimmt eine Auswahlmenge, im Feed etwa neuere Beiträge abonnierter Konten und Vorschläge von Konten, denen man nicht folgt

    Nicht sichtbar: Alles außerhalb dieser Menge, auch Beiträge, die die Richtlinien für Empfehlungen ausschließen

  3. Reihenfolge

    Signale und daraus abgeleitete Vorhersagen gewichten die Auswahlmenge und bestimmen die Position

    Nicht sichtbar: Nichts, aber die Position entscheidet mit über die Auffälligkeit

  4. Sichtbarer Ausschnitt

    Was tatsächlich auf dem Bildschirm erscheint, einschließlich Werbung

    Nicht sichtbar: Der Rest der Auswahlmenge und alle übrigen möglichen Inhalte

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Vier Stufen: von möglichen Inhalten zum sichtbaren Ausschnitt
StufeWas dort geschiehtWas ausgeschlossen bleibt
Mögliche InhalteAlles, was auf dem Dienst veröffentlicht ist und den Regeln des Dienstes entsprichtNicht veröffentlichte oder entfernte Inhalte
AuswahlDer Dienst bestimmt eine Auswahlmenge, im Feed etwa neuere Beiträge abonnierter Konten und Vorschläge von Konten, denen man nicht folgtAlles außerhalb dieser Menge, auch Beiträge, die die Richtlinien für Empfehlungen ausschließen
ReihenfolgeSignale und daraus abgeleitete Vorhersagen gewichten die Auswahlmenge und bestimmen die PositionNichts, aber die Position entscheidet mit über die Auffälligkeit
Sichtbarer AusschnittWas tatsächlich auf dem Bildschirm erscheint, einschließlich WerbungDer Rest der Auswahlmenge und alle übrigen möglichen Inhalte

Einheit: keine Messgröße

Eigenes Schema der Redaktion. Es zeigt Stufen, keine gemessenen Größen. Gewichte realer Dienste werden nicht dargestellt. Quelle: Eigene schematische Darstellung der Redaktion in Anlehnung an die Ablaufbeschreibung von Instagram (Adam Mosseri: Instagram Ranking Explained, 31. Mai 2023). Keine Angaben zu Gewichten oder Messwerten.

Quellen und Einordnung

Quellen und Einordnung
  • AlgorithmWatch: „Risikofalle Social Media: Wie bekommen wir Algorithmen in den Griff?“, Positionspapier von John Albert, 15. März 2023. Trägt die Forderung nach unabhängigen Untersuchungen von Empfehlungssystemen und den Hinweis auf die Grenzen eigener Audits; der Text beschreibt den Stand vor dem vollständigen Anwendungsbeginn des Digital Services Act und ist keine Auskunft über den Rechtsstand von 2026.
  • Verordnung (EU) 2022/2065 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Oktober 2022 über einen Binnenmarkt für digitale Dienste, Amtsblatt der Europäischen Union L 277 vom 27. Oktober 2022, Seite 1 bis 102, Artikel 27 und Artikel 38. Artikel 38 verlangt für sehr große Online-Plattformen und Suchmaschinen je Empfehlungssystem mindestens eine Option ohne Profiling nach Artikel 4 Nummer 4 der Verordnung (EU) 2016/679; geregelt ist die Pflicht, nicht ihre Wirkung.
  • Europäische Kommission, Generaldirektion für Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien: „How the Digital Services Act enhances transparency online“, Stand 8. September 2026. Trägt die Angaben zu Transparenzberichten, zum Datenzugang für anerkannte Forschende sowie zu Risikobewertung und unabhängiger Prüfung; die Seite ist eine Information der Kommissionsdienststellen, keine Auslegung der Rechtsvorschriften, und sagt nichts über die Wirkung von Sortierung.
  • Instagram, Adam Mosseri: „Instagram Ranking Explained“, About Instagram, 31. Mai 2023. Trägt die Beschreibung der zwei Schritte, der Signale und Vorhersagen sowie der zeitlichen Ansicht für 30 Tage; die Darstellung stammt vom Dienst selbst und beschreibt ausschließlich dessen Feed zu diesem Stand.
  • Andrew Guess, Neil Malhotra, Jennifer Pan und weitere Autoren: „How do social media feed algorithms affect attitudes and behavior in an election campaign?“, Science, 2023. Trägt die Befunde der randomisierten Umstellung auf umgekehrt chronologische Feeds bei Facebook und Instagram während des US-Wahlkampfs 2020 über drei Monate; untersucht wurden zwei Dienste in einem Land in einem Zeitraum.
  • American Association for the Advancement of Science: Mitteilung vom 26. September 2024 zu einem Leserbrief von Chhandak Bagchi und weiteren Autoren sowie zur Antwort von Guess und weiteren Autoren in Science. Trägt den Einwand, dass sich die Vergleichsbedingung des Experiments veränderte und die Ergebnisse nicht für andere Zeiträume gelten; Leserbriefe sind keine neue Erhebung.